Gute alte Zeiten? Wie lief ein Sonntagshochamt vor 460 Jahren ab?

Veröffentlicht auf von Markus Tymister

Die im 16. Jahrhundert in Deutschland benutzten Messbücher sind uns überliefert. Aber genau wie heute hielten es auch die verantwortlichen Priester im 16. Jahrhundert nicht immer für notwendig, den Büchern im Detail zu folgen. Es gibt allerdings leider wenige bis fast gar keine genauen Beschreibungen, was denn in der gottesdienstlichen Praxis wirklich geschah. Kaum jemand hielt es für sinnvoll oder notwendig, aufzuschreiben, was er in der Messe gesehen und erlebt hatte; ganz abgesehen davon, dass viele der sonntäglichen Messbesucher auch nicht lesen und schreiben konnten.

Bischof Nikolaus Psalmäus von Verdun (†1575) war Teilnehmer am Trienter Konzil gewesen, das im Dezember 1563 seinen Abschluss gefunden hatte. Auf der Rückreise von Trient nach Verdun machte er in Trier halt, um seinem Metropoliten, dem Trierer Erzbischof Johann von der Leyen, über das Konzil zu berichten und auch in der Hoffnung, mit ihm zusammen Weihnachten feiern zu können. In Trier angekommen erfährt er, dass der Erzbischof sich in Wittlich befinde, also reist er ihm dorthin nach. Angekommen in Wittlich wird ihm gesagt, dass sich Erzbischof Johann über die Feiertage in ein Kloster zurückgezogen habe. Also muss er bis nach Weihnachten warten, und hat Zeit, einen Bericht über das Hochamt, das er am Stefanstag, dem 26. Dezember 1563, einem Sonntag, in der Pfarrkirche von Wittlich besucht hatte, aufzuschreiben.

Ein Bischof konnte auf Reisen also einfach einen Sonntagsgottesdienst besuchen, ohne diesem selbst vorstehen zu müssen, und ein Ortspfarrer sah sich, obwohl ihm die Anwesenheit des Bischofs wahrscheinlich bewusst war, nicht gezwungen, den üblichen Ablauf der Messe deshalb zu verändern oder sich enger an das Messbuch zu halten.

Hier der Bericht von Bischof Nikolaus:

„Es zelebrierte der Ortspfarrer von Wittlich an diesem Sonntag die Pfarrmesse, in der das Glaubensbekenntnis gesungen wurde bis zu den Worten: hat gelitten und ist begraben worden. Dann folgten die Predigt in deutscher Sprache und einige Fürbitten. Darauf kehrte der Priester zum Altar zurück und begann die Gabenbereitung und den Gesang der Präfation bis zu den Worten: In Wahrheit ist es würdig und recht. In der Zwischenzeit liefen einige Frauen um den Altar herum, um ihre Gaben zu bringen, allerdings ohne sie auf die Patene legen zu können. Nach den Worten: In Wahrheit ist es würdig und recht, begann der Chor den Gesang des Sanctus, währenddessen der Priester sich die Hände wusch und mit dem Hochgebet [leise] fortfuhr bis zum Vater unser. Mit dem Beginn des Vater unser [das der Priester allein leise zu sprechen hatte] begann der Chor mit dem Gesang des Agnus Dei. Sofort nach der Elevation des Leibes Christi im Hochgebet verließ ein großer Teil des Volkes die Kirche. Der andere Teil ging vor dem Vater unser weg, so dass nur wenige bis zum Ende der Messe anwesend waren.“

Mit der ihm eigenen Sensibilität für die Liturgie beschreibt der Bischof hier eine ganze Reihe an Missständen, die allerdings keine Einzelfälle waren. Unterschiedliche Synoden und Konzilien hatten mehrfach schon versucht, diesen Bräuchen Einhalt zu gebieten, allerdings ohne dabei besonderen Erfolg zu haben. Wir können also davon ausgehen, dass der Bericht des Bischofs eine ganz normale sonntägliche Pfarrmesse beschreibt, in einem Gebiet von Deutschland, das von den Wirren der Reformation nicht betroffen war.

Was bekamen also die Gottesdienstbesucher von der Messfeier mit?

Je nachdem, wann sie in die Kirche kamen, hörten sie den Chor (darunter müssen wir uns eine wohl kleinere Gruppe von Männern vorstellen, die den gregorianischen Choral singen konnten, nicht aber einen größeren polyphonen Chor im Sinne des heutigen Kirchenchores) den Introitus, Kyrie und Gloria singen. Die Lesung und das Evangelium wurden auf Latein gelesen, wahrscheinlich vom Priester am Altar, wenn kein Subdiakon (für die Lesung) und kein Diakon (für das Evangelium) anwesend waren. Nach dem Evangelium wurde das Credo gesungen, das aber nach der Erwähnung des Leidens und der Beisetzung Jesu (passus et sepultus est - hat gelitten und ist begraben worden) einfach abgebrochen wurde. Alle frommen Auslegungen der Messe konzentrierten sich in der damaligen Zeit auf das Leiden Jesu. Der Auferstehung wurde in der Messerklärung kein Platz eingeräumt, was sich dann auch auf die Praxis niederschlug. Auch diejenigen, die das lateinische Glaubensbekenntnis mitvollziehen konnten, konnten ihren Glauben an Auferstehung und Himmelfahrt, an den Heiligen Geist, die Kirche, die Taufe und die Vergebung der Sünden nicht bekennen.

Die deutsche Predigt folgte auf das Credo, was damals im Trierer Raum durchaus üblich war, und an deren Ende sich für die Gemeinde wichtige Vermeldungen, ein Bußritus und oft auch ein deutsches Lied anschlossen. Danach folgte, ebenfalls auf Deutsch ein Fürbittgebet. – Dieser Teil des Gottesdienstes war, da in der Muttersprache gehalten, bei den Menschen sehr beliebt.

Nach den Fürbitten begann die Opferung (Gabenbereitung). Das Mittelalter hindurch hatten die Gläubigen zu diesem Zeitpunkt ihre Gaben selber zum Altar zu bringen. Dies geschah in Form eines Altarumgangs. Entweder legten sie ihre Gaben auf der Patene, die ihnen der Priester hinhielt, nieder, oder die Gaben wurden beim Altar niedergelegt und die Patene zum Kuss gereicht. Das Bringen von Gaben (Naturalien) für den Unterhalt des Priesters und für die Armen der Gemeinde war einer der wichtigsten Momente der Teilnahme des Volkes an der Messfeier. Im Jahr 1563 war es allerdings schon üblich geworden, statt Naturalien eine Geldspende zu bringen, so dass der Opfergang um den Altar unnötig wurde und an Beliebtheit verloren hatte. Man versuchte, ihn wenigstens an den großen Feiertagen noch durchzuführen, allerdings ohne viel Erfolg. So sieht auch Bischof Nikolaus nur „einige wenige Frauen“ um den Altar gehen, und zwar nicht im Moment der Gabenbereitung, sondern erst nach Beginn der Präfation. Der Priester war dann schon mit dem Hochgebet beschäftigt, und kümmerte sich nicht um das, was diese wenigen Frauen brachten. Das Handeln der Frauen war aus dem Kontext der Liturgie völlig herausgenommen: Es fand nicht mehr anlässlich der Darbringung der Gaben für die Eucharistie statt, sondern erst im Anschluss daran.

Die Präfation begann mit dem üblichen lateinischen Dialog: Dominius vobiscumDer Herr sei mit euch – und mit deinem Geiste. Erhebet die Herzen – wir haben sie beim Herrn. – Lasset uns danken dem Herrn, unserem Gott – das ist würdig und recht. Da es sich um die sonntägliche Pfarrmesse handelte, wurde der Dialog gesungen. Dann fuhr der Priester im Gesang fort: In Wahrheit ist es würdig und recht. In diesem Moment schon begann der Chor das Sanctus, und der Priester betete leise weiter bis zur Elevation, der Erhebung der Hostie im Hochgebet.

Dies war der für alle wichtige Augenblick. Zur Kommunion ging man nur einmal im Jahr in der Osterzeit und musste sich an den anderen Sonntagen mit dem Anschauen der Hostie begnügen, an das sich somit viele abergläubische Anschauungen knüpften: So kann man an einem Tag, an dem man die Hostie gesehen hat, nicht erblinden oder nicht plötzlich sterben… Danach verließen die meisten Gottesdienstbesucher die Kirche. Die ganz Frommen blieben noch bis zum Schluss des Hochgebetes, denn zu den Worten Per ipsum… – Durch ihn und mit ihm und in ihm… wurde die Hostie ein zweites Mal erhoben und man konnte sie sehen. Danach gingen aber auch sie.

Das Vater unser betete der Priester allein und still, während der Chor das Agnus Dei sang. Danach konnte man als Gottesdienstbesucher wohl noch den vom Chor gesungenen Kommunionvers hören, währenddessen der Priester allein kommunizierte. Der Rest ging schnell: Schlussgebet, Entlassung und Segen und der lateinische Vortrag des Johannesprologes.

Von einer wirklichen Teilnahme an dem, was am Altar geschah, kann man hier nicht reden. Selbst die Texte, die, wie im Messbuch vorgesehen, laut zu sprechen oder zu singen waren, das Glaubensbekenntnis und die Präfation, wurden verstümmelt. Ein froher östlicherlicher Charakter katholischer Liturgie blieb dabei auf der Strecke. Ein Dialog zwischen Priester und Gemeinde war nicht üblich. Eigentlich blieben nur Predigt, Fürbitten und das Anschauen der Hostie. Kein Wunder, dass danach fast alle den Gottesdienst verließen und die Ermahnungen von offizieller Seite, doch bitte bis zum Ende der Messe zu bleiben, keine Frucht trugen.

Dass auf einem solchen Hintergrund in anderen Gegenden Deutschlands protestantische Gottesdienste in der Muttersprache und mit gemeinsamem Gesang und Gebet große Anziehungskraft ausüben konnten, kann man sich vorstellen. Bei einem Besuch in Augsburg hatte Bischof Nikolaus schon feststellen müssen, dass der Weihbischof im Münster vor halbleeren Bänken predigte, während „in einem anderen großen Saal ein Anhänger der neuen Religion vor einer sehr großen Zuhörerschaft predigte, wobei Psalmen und andere Gesänge von Frauen und Männern in deutscher Sprache in großer Harmonie gesungen wurden“.

Aus diesen und auch weiteren Gründen hatte daher das Konzil von Trient eine weitgehende Liturgiereform angeordnet, die dann in der Veröffentichung des Römischen Messbuchs 1570 durch Papst Pius V. ihren vorläufigen Abschluss fand.

Das grundsätzliche Problem ist allerdings auch nicht einfach durch ein neues Messbuch zu beheben. Es geht um das tiefere Verständnis gottesdienstlichen Handelns, seitens des Priesters und seitens der Gemeinde. So wurde in einem Bischofsgottesdienst in Norddeutschland noch vor 30 Jahren das vom Chor lateinisch gesungene Gloria mittendrin abgebrochen. Auf Nachfrage hieß es, „man sei beim Proben nicht weiter gekommen. Bei den Gottesdienstbesuchern war allerdings kein Widerspruch zu beobachten.

(Alle Quellentexte und deren Deutung in B. Fischer, «Ein Sonntagshochamt vor 400 Jahren», TThZ 66 [1957] 168-176.)

 

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H
Einen Fall von Abkürzung kenne ich aus meiner Kinderzeit als Ministrant (anfang der 60-igerJahre) nur am Palmsonntag. An diesem Tag sang der Kirchenchor eine Vertonung der Matthäuspassion, allerdings nur bis zum "Lezten Abendmahl". So wurde der Zeitraum abgedeckt, den der Priester am Altar zum Lesen der Passion brauchte.<br /> Ach ja, früher war alles besser ;-)
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R
Wie es bei den Messen zuging, zeigen auch die zur Vorbereitung des Trienter Konzils erstellten Abusus-Listen. (Nur weniges davon wurde dann in Dekrete übernommen.)
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