Paul VI.: Aus der Ansprache im Konsistorium am 24. Mai 1976

Veröffentlicht von Markus Tymister

Paul VI.: Aus der Ansprache im Konsistorium am 24. Mai 1976

"Man wagt zu behaupten, dass das II. Vatikanische Konzil nicht bindend sei; dass der Glaube ebenfalls in Gefahr sei durch die nachkonziliären Reformen und Richtlinien; dass man die Pflicht habe, ungehorsam zu sein, um gewisse Traditionen zu erhalten. Welche Traditionen? Steht es dieser Gruppe und nicht dem Papst, nicht dem Kollegium der Bischöfe, nicht dem Ökumenischen Konzil zu, festzusetzen, welche unter den unzähligen Traditionen als Glaubensnorm betrachtet werden müssen? Wie Sie sehen, verehrte Mitbrüder, eine solche Haltung wirft sich zum Richter über den Willen Gottes auf, der Petrus und seine rechtmäßigen Nachfolger zum Oberhaupt der Kirche bestellt hat, um die Brüder im Glauben zu bestärken und die gesamte Herde zu weiden (vgl. Lk 22, 32, Joh 21, 15 ff.), und ihn zum Garanten und Hüter des Glaubensgutes bestimmt hat. Das ist vor allem dann um so schwerwiegender, wenn man die Spaltung gerade dort hineinträgt, wo die Liebe Christi uns zur Einheit versammelt, in der Liturgie und beim eucharistischen Opfer, indem man den im liturgischen Bereich festgesetzten Normen die gebührende Beobachtung verweigert.

Im Namen der Tradition bitten wir alle unsere Söhne und Töchter und alle katholischen Gemeinschaften, die erneuerte Liturgie mit Würde und Eifer zu feiern. Der Gebrauch des neuen Ordo Missae ist natürlich nicht dem Gutdünken der Priester oder der Laien anheimgestellt. Die Instruktion vom 14. Juni 1971 hat die Messfeier in der alten Form mit Erlaubnis des Ordinarius nur für alte oder kranke Priester vorgesehen, die das Messopfer ohne Volk darbringen. Der neue Ordo ist nach reifer Überlegung und gemäß Wünschen des II. Vatikanischen Konzils erlassen worden, damit er den alten ersetze. Ähnlich hatte unser heiliger Vorgänger, Pius V., das Missale, das infolge des Trienter Konzils unter seiner Autorität reformiert worden war, als verpflichtend vorgeschrieben. Dieselbe Aufnahmebereitschaft verlangen wir mit derselben höchsten Autorität, die wir von Jesus Christus erhalten haben, auch für alle übrigen liturgischen, disziplinären und pastoralen Reformen, die in diesen Jahren in Verwirklichung der Konzilsdekrete herangereift sind. Jede Initiative, die sie zu verhindern trachtet, kann sich nicht den Anspruch anmaßen, damit der Kirche einen Dienst zu erweisen. In Wirklichkeit fügt sie ihr einen großen Schaden zu.

Ernste Mahnungen zur Einheit der Kirche

[…] Wir verstehen […/die] gefühlsmäßige Anhänglichkeit [vieler Gläubigen] an gewohnte Formen des Kultes oder der Disziplin, die sie für lange Zeit in ihrem geistlichen Leben gestützt haben und in denen sie geistliche Nahrung gefunden haben. Wir haben jedoch die Zuversicht, dass sie mit Gleichmut und ohne vorgefasste Parteinahme sich zu besinnen vermögen und zugestehen wollen, dass sie die Stütze und Nahrung, die sie suchen, heute in den erneuerten Formen finden, die das II. Vatikanische Konzil und wir selbst als notwendig für das Wohl der Kirche, für ihre Entfaltung in der heutigen Welt und für die Einheit festgesetzt haben.

[…] Auf der entgegengesetzten Seite, was ihre ideologische Position betrifft, jedoch gleichermaßen Ursache tiefen Schmerzes ist, befinden sich jene, die im irrigen Glauben, die Linie des Konzils fortzusetzen, eine Haltung vorgefasster und mitunter unbeugsamer Kritik an der Kirche und ihren Einrichtungen eingenommen haben. Wir müssen deshalb mit der gleichen Bestimmtheit sagen, dass wir auch die Einstellung derer nicht annehmen können:

  • die sich für autorisiert halten, sich ihre eigene Liturgie zu schaffen, wobei sie mitunter das Messopfer oder die Sakramente auf die Feier ihres eigenen Lebens oder Kämpfens oder aber auf das Symbol der Brüderlichkeit einschränken oder sogar missbräuchlich die Interkommunion praktizieren;

[…]

Es ist wahr, dass solche Christen nicht sehr zahlreich sind, aber sie machen viel Lärm […]."

Quelle und gesamter Text der Ansprache: http://www.dioezese-linz.at/redaktion/data/bo_praktikant/Linzer_Diözesanblatt_1._August_1976.PDF