Benedikt XVI. zum Konzil und zur Liturgiereform

Veröffentlicht von Markus Tymister

Benedikt XVI. zum Konzil und zur Liturgiereform

Kurz vor seiner Emeritierung spricht Benedikt XVI. am 14. Februar 2013 anlässlich einer Begegnung mit dem Klerus der Diözese Rom über seine Erfahrungen mit Kardinal Frings, mit dem beginnenden Konzil und der Liturgiereform:

"[...] 1959 war ich zum Professor an der Universität Bonn ernannt worden, wo die Studenten, die Seminaristen der Diözese Köln und anderer umliegender Diözesen studieren. So kam ich in Kontakt mit dem Kardinal von Köln, Kardinal Frings. Kardinal Siri von Genua hatte – 1961 scheint mir – eine Vortragsreihe verschiedener europäischer Kardinäle über das Konzil organisiert und auch den Erzbischof von Köln eingeladen, einen der Vorträge zu halten, mit dem Titel: Das Konzil und die Welt des modernen Denkens.

Der Kardinal hat mich – den jüngsten der Professoren – aufgefordert, ihm einen Entwurf zu schreiben; der Entwurf gefiel ihm, und er hat in Genua den Leuten den Text so vorgetragen, wie ich ihn geschrieben hatte. Kurz darauf fordert Papst Johannes ihn auf, zu ihm zu kommen, und der Kardinal befürchtete sehr, vielleicht etwas Inkorrektes, Falsches gesagt zu haben und für einen Tadel nach Rom zitiert zu werden, vielleicht auch, um ihm die Kardinalswürde abzuerkennen. Ja, als sein Sekretär ihn für die Audienz ankleidete, sagte der Kardinal: »Vielleicht trage ich dieses Gewand jetzt zum letzten Mal«. Dann trat er ein, Papst Johannes geht ihm entgegen, umarmt ihn und sagt: »Danke, Eminenz, Sie haben das gesagt, was ich sagen wollte, aber ich habe nicht die Worte gefunden«. So wußte der Kardinal, daß er auf dem richtigen Weg war, und lud mich ein, mit ihm zum Konzil zu gehen. Zuerst als sein persönlicher Berater; später, im Verlauf der ersten Periode – im November 1962, scheint mir – wurde ich auch zum offiziellen Peritus des Konzils ernannt.

Wir sind damals nicht nur mit Freude, sondern mit Begeisterung zum Konzil gegangen. Es gab eine unglaubliche Erwartungshaltung. Wir hofften, daß alles erneuert werden würde, daß wirklich ein neues Pfingsten käme, eine neue Ära der Kirche, denn die Kirche war in jener Zeit noch recht kräftig, der sonntägliche Gottesdienstbesuch noch gut, die Berufungen zum Priestertum und zum Ordensleben waren schon etwas weniger geworden, aber immer noch ausreichend. Man spürte jedoch, daß die Kirche nicht vorankam, zurückging, mehr eine Wirklichkeit der Vergangenheit als Trägerin der Zukunft zu sein schien. Und in jenem Augenblick hofften wir, daß diese Beziehung sich erneuern, sich ändern werde; daß die Kirche wieder Kraft der Zukunft und Kraft des Heute sein werde. Und wir wußten, daß in der Beziehung zwischen Kirche und Moderne von Anfang an ein gewisser Gegensatz vorhanden war, begonnen beim Irrtum der Kirche im Fall von Galileo Galilei. Man wollte diesen verfehlten Anfang korrigieren und wieder eine Einigung zwischen der Kirche und den besten Kräften der Welt finden, um die Zukunft der Menschheit zu öffnen, um den wahren Fortschritt zu öffnen. So waren wir voll Hoffnung, Begeisterung und hatten auch den Willen, unseren Teil dazu beizutragen. Ich erinnere mich, daß die Römische Synode als Negativbeispiel betrachtet wurde. Es hieß – ob es stimmt, weiß ich nicht –, daß die vorbereiteten Texte in der Lateranbasilika verlesen wurden und die Mitglieder der Synode Beifall spendeten, sie durch Applaus approbierten. So sei die Synode verlaufen. Die Bischöfe sagten: Nein, so machen wir es nicht. Wir sind Bischöfe, wir selbst sind das Subjekt der Synode; wir wollen nicht nur approbieren, was gemacht wurde, sondern wir wollen selbst das Subjekt, die Handlungsträger des Konzils sein. So sagte auch Kardinal Frings, der für seine absolute, beinahe skrupulöse Treue zum Heiligen Vater berühmt war, in diesem Fall: Hier sind wir in anderer Funktion. Der Papst hat uns einberufen, gleichsam Väter zu sein, ökumenisches Konzil zu sein, ein Subjekt, das die Kirche erneuert. So wollen wir diese Rolle wahrnehmen.

Der erste Augenblick, in dem diese Haltung sich zeigte, kam gleich am ersten Tag. Für diesen ersten Tag waren die Wahlen der Kommissionen vorgesehen. Die Namenslisten waren unparteiisch erstellt worden – zumindest versuchte man das; und über diese Listen sollte abgestimmt werden. Aber sofort sagten die Väter: Nein, wir wollen nicht einfach über schon fertige Listen abstimmen. Wir sind das Subjekt. Also mußten die Wahlen verschoben werden, weil die Väter einander erst einmal etwas kennenlernen wollten, sie wollten die Listen selbst erstellen. Und so wurde es gemacht. Kardinal Liénart von Lille, Kardinal Frings von Köln hatten öffentlich gesagt: So nicht. Wir wollen unsere Listen erstellen und unsere Kandidaten wählen. Es war kein revolutionärer Akt, sondern ein Akt des Gewissens, der Verantwortung von seiten der Konzilsväter.

So begann eine starke Betriebsamkeit, um einander auf horizontaler Ebene kennenzulernen, was nicht dem Zufall überlassen wurde. [...] Und das war schon eine Erfahrung der Universalität der Kirche und der konkreten Wirklichkeit der Kirche, die nicht einfach nur Weisungen von oben erhält, sondern gemeinsam wächst und voranschreitet, immer natürlich unter der Führung des Nachfolgers Petri.

Wie gesagt kamen alle mit großen Erwartungen – nie war ein Konzil von diesen Dimensionen abgehalten worden –, aber nicht alle wußten, wie man es anpacken sollte. Diejenigen, die am besten vorbereitet waren – sagen wir, die mit den klarsten Vorstellungen – waren der französische, der deutsche, der belgische, der holländische Episkopat: die sogenannte »Rheinische Allianz«. Und im ersten Teil des Konzils gaben sie den Weg vor; dann wurde die Tätigkeit schnell erweitert, und immer mehr hatten alle Anteil an der Schaffenskraft des Konzils. Die Franzosen und die Deutschen hatten einige gemeinsame Interessen, wenn auch mit recht unterschiedlichen Nuancen. Die erste, anfängliche, einfache – scheinbar einfache – Intention war die Liturgiereform, die bereits mit Pius XII. begonnen hatte, der schon die Karwoche reformiert hatte; die zweite war die Ekklesiologie; die dritte das Wort Gottes, die Offenbarung; und schließlich auch der Ökumenismus. Die Franzosen hatten – viel mehr als die Deutschen – noch das Problem, die Situation der Beziehungen zwischen Kirche und Welt zu behandeln.

Beginnen wir mit dem ersten Punkt. Nach dem Ersten Weltkrieg war, besonders in Mittel- und Westeuropa, die liturgische Bewegung gewachsen, eine Wiederentdeckung des Reichtums und der Tiefe der Liturgie, die bis dahin im Römischen Meßbuch des Priesters gleichsam verschlossen war, während die Leute mit eigenen Gebetbüchern beteten, die nach dem Herzen des Volkes gemacht waren, in dem Sinn, daß man versucht hatte, die hohen Inhalte, die hohe Sprache der klassischen Liturgie in mehr gefühlsbetonte Worte zu fassen, die näher am Herzen des Volkes waren. Es waren jedoch fast zwei parallel laufende Liturgien: der Priester mit den Meßdienern, der die Messe nach dem Meßbuch feierte, und die Laien, die in der Messe zugleich mit ihren Gebetbüchern beteten und im wesentlichen wußten, was am Altar geschah. Jetzt aber war die Schönheit, die Tiefe, der historische, menschliche, geistliche Reichtum des Meßbuches wiederentdeckt worden, sowie die Notwendigkeit, daß nicht nur ein Vertreter des Volkes, ein kleiner Meßdiener, sagen sollte: »Et cum spiritu tuo« und so weiter, sondern daß es wirklich ein Dialog zwischen Priester und Volk sein sollte, daß die Liturgie des Altares und die Liturgie des Volkes eigentlich eine einzige Liturgie sein sollte, eine aktive Teilnahme, daß der Reichtum zum Volk gelangen sollte; und so wurde die Liturgie wiederentdeckt, erneuert. [...]"

Quelle: http://www.vatican.va/holy_father/benedict_xvi/speeches/2013/february/documents/hf_ben-xvi_spe_20130214_clero-roma_ge.html.