Schwarze Trauergewänder?

Veröffentlicht auf von Markus Tymister

Ein Predigtgedanke zu Allerseelen? Oder eine Gewissenserforschung für alle, die immer noch am schwarzen Messgewand hängen?

"Und wenn sie erlaubt sind, so geziemen sie sich nicht [für die Christen]". Eine dem Hl. Johannes Chrysostomus (+407) zugeschriebene Predigt über die Sinnhaftigkeit schwarzer Trauergewänder.

Und übrigens: Die Alternative zu schwarz ist nicht violett sondern rot. Rot war die Farbe des Sterbens und des Todes. Deshalb werden der Papst und die Kardinäle in rot bestattet und in christlichen Gegenden wird oft eher vom "schwarzen Wein" als vom "Rotwein" gesprochen. 

Rot ist auch heute wieder die Farbe am Karfreitag. Nur das nordalpine Mittelalter hatte das heidnische Schwarz wieder als christliche Trauerfarbe eingeführt.

Schwarz und violett waren in den ersten, nicht einheitlichen mittelalterlichen Farbenkanones absolut austauschbar und beide für Totenmessen und Bußzeiten in Gebrauch.

Die beiden Johannes Chrysostomus zugeschriebenen Predigten De consolatione mortis ("Über den Trost angesichts des Todes" sind nur auf Latein überliefert. Hier die deutsche Übersetzung des 6. Kapitels der zweiten Predigt und im Anschluss daran der lateinische Text.

Ps.-Johannes Chrysostomus, 2. Predigt Über den Trost angesichts des Todes, Kap. 6

Das Beispiel des vortrefflichen Davids. Schwarze Kleidung zur Trauer

Dies mag nun genug sein, Brüder, um euch die Verachtung des Todes zu lehren, und euch in der Hoffnung einer zukünftigen Auferstehung zu stärken. Es bleibt nur, noch ein Beispiel anzuführen, das euch mit vollständigem Trost erfüllen kann, und von dem ich möchte, dass ihr es mit geduldigen Ohren des Herzens anhört.

Der große König David war äußerst traurig, da er seinen geliebten Sohn, den er wie seine eigene Seele liebte, krank darnieder liegen sah (2. Kön 12,16 ff). Da er absolut keine menschliche Hilfe mehr erblickte, nahm er seine Zuflucht zum Herrn. Er legte seinen königlichen Schmuck ab, saß auf der Erde, war mit einem Bußgewand bekleidet, aß und trank nicht und betete sieben Tage hintereinander, ob ihm vielleicht Gott seinen Sohn wieder schenken wollte. Die Ältesten seines Hauses kamen zu ihm, trösteten ihn, redeten ihm zu, dass er wenigstens Brot zu sich nehmen möchte, aus Sorge, er würde selbst sterben, während er sich das Leben seines Sohnes so sehr wünschte. Sie konnten ihn aber nicht dazu bewegen; eine so starke Liebe achtet nicht auf Gefahren. Der König liegt im Bußgewand, so lange sein Sohn krank war; keine Worte trösten ihn und selbst die Bedürfnisse der Natur rufen ihn nicht aus seinem Kummer zurück. Seine Seele findet an ihrer Traurigkeit ihr Vergnügen; sein Herz sättigt sich mit Klagen und Tränen, die ohne Aufhören aus seinen Augen quollen, sind seine Speise und sein Trank. Unterdessen geschieht, was Gott beschlossen hatte: der Sohn stirbt. Die Ehefrau ist voll Trauer, das ganze Haus voll Weinen, die Diener des Königs sind voll Angst, und zittern vor dem, was, ihrer Sorge nach, geschehen könnte: und niemand wagt, dem Herrn mitzuteilen, dass sein Sohn gestorben sei. Denn sie machten sich Sorgen, er selbst würde seinem Leben ein Ende setzen wollen, wenn er vom Tod des Sohnes erfahre, da er sich zu dessen Lebzeiten schon einer so heftigen Traurigkeit preis gegeben hatte. Während seine Knechte ein solches vielbedeutendes Geräusch unter sich machten, und es einer dem anderen entweder rät, oder untersagt, dem König diese Botschaft zu bringen bemerkt es David, kommt diesen Trauerboten zuvor und fragt, ob sein Sohn sein Leben aufgegeben hätte. Sie können die Sache nicht leugnen, und ihr Weinen sagt, was geschehen ist. Man versammelt sich um ihn auf eine ungewöhnliche Weise; überall herrscht ängstliches Warten und die Furcht, dieser so zärtliche Vater möchte sich vor allzu großen Schmerzen vielleicht selbst einen Schaden antun.

David steht sogleich von der Erde auf; legt seinen Sack ab, und ist so fröhlich, als ob er die Nachricht erhalten hätte, dass sein Sohn gesund geworden wäre. Er geht ins Bad, wäscht seinen Leib, geht in den Tempel und betet Gott an; isst und trinkt mit seinen Freunden: alle Seufzer, alle Klagen sind unterdrückt, und sein Angesicht ist fröhlich. Seine Knechte erstaunen, seine Freunde können eine so neue und ungewöhnliche Veränderung nicht bergreifen; endlich trauen sie sich, ihn zu fragen, was das zu bedeuten habe, dass er keine Trauer anlässlich des Todes seine Sohnes äußert, da er doch so sehr betrübt gewesen war, als er noch lebte. Dieser Mann nach dem Herzen Gottes, welcher ein außerordentliches Muster der Großmut ist, antwortete: Als mein Sohn noch lebte, demütigte ich mich und fastete und war vor dem Angesicht des Herrn traurig, denn es gab da noch die Hoffnung, vom Herrn ein längeres Leben meines Sohnes zu erhalten. Allein, nachdem der Wille des Herrn geschehen war, wäre es töricht und eine Beleidigung Gottes, wenn ich selbst noch mit unnötigem Kummer das Herz bedrücken würde. Ich werde zu ihm kommen, aber er wird nicht wieder zu mir zurückkehren (2 Kön 12,23).

Seht, welch ein Beispiel der Großmut und Tugend! Hat David, der noch unter dem Gesetz stand, wo die Wehklagen über die Toten nicht allein erlaubt, sondern fast notwendig waren, dennoch so viel Gewalt über seinen Kummer gehabt, dass er seine Trauer und die Trauer der Seinigen in Schranken hielt. Mit welcher Stirn beweinen wir, die wir unter der Gnade leben, die wir die sichere Hoffnung der Auferstehung haben, denen die Traurigkeit untersagt ist, mit welcher Stirn beweinen wir unsere Toten, wie die Heiden, erheben ein unbändiges Geheul, sind beinahe wie Rasende, zerreißen unsere Kleider, entblößen uns und verschwenden am Grab unserer Geliebten so viele Worte und lassen so viele Klagelieder anstimmen? Und warum tragen wir zu der Zeit schwarze Kleider, als würden wir nicht allein mit unseren Klagen sondern auch mit unseren Kleidern anzeigen wollen, dass wir Elende und Ungläubige sind? Das geziemt uns nicht, meine Brüder; das ist uns nicht erlaubt, und wenn es uns erlaubt wäre, so wäre es nicht anständig. Ich weis, dass einige unter unseren Brüdern und Schwestern durch ihren eigenen Glauben und durch das Gebet des Herrn stark genug sein würden, den Tod der Ihrigen standhaft zu ertragen. Die Meinung ihrer Freunde und Verwandten lässt sie schwach werden schwach, weil sie befürchten, dass man sie für versteinert und unempfindlich halten würde, wenn sie ihre Kleidung nicht zerreißen und nicht in unmäßiges Klagen ausbrechen würden. Aber wie ungereimt ist es, den Meinungen irriger Menschen nachzulaufen und sich nicht zu fürchten, etwas zu begehen, das des einmal angenommenen Glaubens unwürdig ist? Warum lernt ein solcher Mensch nicht vielmehr die Geduld von mir, und warum lernt der Zweifelnde nicht den Glauben durch mein Beispiel? Sollte auch der Schmerz noch so groß sein, so muss er ihn in sein Herz verschließen und in der Stille trauern und die Trauer nicht leichtsinnig öffentlich machen.

Ioannes Chrysostomus, Sermo II De consolatione mortis 6, ed. J.P. Migne (PG 6), Paris 1862, 302-303

Egregium Davidis exemplum. Vestes nigrae in luctibus

Sufficiant haec, fratres, ad mortis contemptum, et ad spei futurae confirmationem. Superest ut unum de veteribus exemplum proferam, quod omnem consolationem faciat, et quod etiam patientibus cordis auribus volo omnes audire.

David rex magnus filium dilectum, quid sicut animam propriam diligebat, infirmitate percussum impatientissime ferebat (2. Reg. 12,16 ss.): et cum humana iam auxilia nihil prodessent, seipsum convertit ad Dominum, deposita regali gloria, sedit in terra, iacuit in cilicio, non manducavit, non bibit, septem diebus continuis orans Deum, si forte sibi filius donaretur. Accesserunt seniores domus eius, consolantes rogaverunt ut panem sumeret, veriti ne forte, cum filium vellet vivere, ipse ante deficeret. Non potuerunt extorquere, non cogere; amor enim impatiens solet pericula ipsa contemnere. Iacet rex in squalore ciclicii aegrotante filio: nec verba faciunt consolationem, nec ipsa escarum necessitas vocat. Mens tristitia pascitur, pectus dolore reficitur, oculi lacrimas pro potibus fluunt. Inter haec factum est quod decreverat Deus: moritur puer. Uxor in luctu, tota domus in planctu, servuli pavidi, quid fieret exaestuantes: nemo enim audebat domino filium mortuum nuntiare, timentes utique, ne ille qui sic impatienter adhuc vivum lugebat, si audisset mortuum, vitae faceret finem. Dum strepunt famuli inter se, dum tristes alter ad alterum dicere aut suadet aut vetat, intellexit David, praevenit nuntios, an vitam filius exhalasset interrrogat. Negare non possunt, factum fletibus indicant. Fit concursus insolitus, exspectatio grandis et metus, ne quid sibi periculi pius pater inferat.

Surgit continuo rex David de cilicio, surgit hilaris, quasi filium suum audisset incolumem: vadit ad balneas, lavat corpusculum, vadit ad templum, adorat Deum, epulatur cum amicis, compressis suspiriis, gemitu omni deposito, vultu iam laeto. Mirantur domestici, supent amici novam et subitam conversionem: audent denique interrogare, quid sibi vellet hoc, ut cum vivente filio sic doluerit, mortuo non doleret? Respondit vir ille magnanimitate praecipuus: necesse fuit cum adhuc viveret filius, et humiliari, et ieiunare, et lugere in conspectu Domini; erat enim spes impetrandi commeatus vitae: at vero pasquam voluntas Domini facta est, stultum est et impium, animum lamentatione inutili macerari: sic dicens: Ego ibo ad illum, ille non revertetur ad me (2. Reg. 12,28).

Ecce exemplum magnanimitatis atque virtutis. Quod si ille Davit, adhuc sub lege positus, sub illa, non dico licentia, sed necessitate lamentationis, sic animum a luctu irrationabili separavit, sic tristitiam suam suorumque compescuit: nos qui iam sub gratia sumus, sub certa spe resurrectionis, quibus omnis tristitia interdicitur, qua fronte mortuos nostros gentilium more plangimus, ululatus insanos attollimus, veluti alio genere bacchantes, conscissis tunici pectora nudamus, verba inania et naenias circa corpus et tumulum defuncti cantamus? Postremo etiam qua ratione vestes nigras tingimus, nisi ut nos vere infideles et miseros non tantum fletibus, sed etiam vestibus approbemus? Aliena sunt ista, fratres, extranea sunt, non licent: et si licerent, non decerent. Sed aliquantos de fratribus et sororibus, licet fides propria et praeceptum Domini fortes faciat, parentum tamen et vicinorum opinio debilitat et frangit: ne lapidei et crudeles iudicentur, si pepercerint vestimento, si non insanis luctibus fuerint debaccati. Et hoc quam vanum est, quam ineptum, opiniones hominum errantium cogitare, et non timere, ne quid minus faciat de fide quam suscepit! Quare non magis discit tolerantiam illi qui talis est? Quare non a me discit fidem ille qui dubius est? Quando etiam si tantus sit dolor iusmodi pectoris, tacite debeat luctum sensu dirigere, et non levitate sui animi publicare.

Veröffentlicht in Farbenkanon, Farben, Liturgie, Beerdigung

Kommentiere diesen Post

H
Die Aversion des hl. Johannes Chrysostomus kommt auch daher, dass Kleider in schwarzer Farbe besonders teuer waren So kommt auch der Klerus zu seinen schwarzen Talaren. Und die Zisterzienser verzichten aus Gründen der Armut auf die schwarzen Mönchsgewänder, wie sie die Benediktiner benutz(t)en.
Übrigens benutzen sie in der russischen-orthodoxen Kirche weiße liturgische Gewänder bei der Beerdigung. Als Patriarch Kirill in Moskau in sein Amt eingeführt wurde, trug er einen fast schwarzen (dunkelroten) bischöflichen Sakkos.
Antworten
D
Danke für diesen erhellenden Beitrag zum Fest "Allerseelen"!
Antworten
G
Diese Frage beschäftigt mich immer wieder. Gerne feiere ich ein "Seelenamt" in weiß. In einer meiner früheren Gemeinden gab es ein schwarzes Messgewand, was aber deutliche goldfarbene Passagen hatte. Dieses Gewand hat mir gefallen, weil es die Trauer (schwarz) aber auch die himmlische Hoffnung (gold) zusammen genommen hat.
Auf Beerdigungen trage ich dann aber gerne eine schwarze Stola, weil dieses ein Moment besonderer trauriger Gefühle ist, denen ich durch die schwarze Farbe auch die geistliche Bedeutung unterstreichen möchte.
Antworten