Ein "Sonntag des Wortes Gottes"?

Veröffentlicht auf von Markus Tymister

Am 30. September 2019 hat Papst Franziskus mit dem Motuproprio "Aperuit illis" den 3. Sonntag im Jahreskreis zum "Sonntag des Wortes Gottes" erklärt.

In Art. 3 des Schreibens heißt es:

Deshalb lege ich fest, dass der dritte Sonntag im Jahreskreis der Feier, der Betrachtung und der Verbreitung des Wortes Gottes gewidmet sein soll. Dieser Sonntag des Wortes Gottes fällt so ganz passend in den Zeitabschnitt des Jahres, in dem wir unsere Beziehungen zu den Juden zu festigen und für die Einheit der Christen zu beten eingeladen sind. Es handelt sich dabei nicht um ein bloß zeitliches Zusammentreffen: Die Feier des Sonntags des Wortes Gottes ist von ökumenischer Bedeutung, denn die Heilige Schrift zeigt denen, die auf sie hören, den Weg, der beschritten werden muss, um zu einer authentischen und soliden Einheit zu gelangen.

Die Gemeinschaften werden einen Weg finden, diesen Sonntag feierlich zu begehen. Wichtig ist jedenfalls, dass die Heilige Schrift während der Eucharistiefeier inthronisiert werden kann, um der Versammlung der Gläubigen den normativen Wert des Wortes Gottes zu verdeutlichen.

Die Intention, die Bedeutung des Wortes Gottes im Leben der Christen, in den Gemeinden und in der Feier der Liturgie hervorzuheben ist löblich, genau so wie der ökumenische Gedanke, dennoch wirft Einführung eines "Motto-Sonntages" (denn Schriftlesungen und Messformular des 3. Sonntags im Jahreskreis bleiben unangetastet und damit kann es sich nur um ein zusätzliches "Motto" handeln) zur Feier des Wortes Gottes vom Standpunkt der Liturgie einige Fragen auf, bzw. kann Anlass sein für eine Reihe von Überlegungen:

Mit Recht zitiert Papst Franziskus in Fußnote 2 des Dokumentes aus dem Art. 56 der Konzilskonstitution Dei Verbum über die göttliche Offenbarung:

Die Sakramentalität des Wortes lässt sich so in Analogie zur Realpräsenz Christi unter den Gestalten des konsekrierten Brotes und Weines verstehen. Wenn wir zum Altar gehen und am eucharistischen Mahl teilnehmen, empfangen wir wirklich den Leib und das Blut Christi. Die Verkündigung des Wortes Gottes in der liturgischen Feier geschieht in der Einsicht, dass Christus selbst in ihr gegenwärtig ist und sich uns zuwendet, um aufgenommen zu werden.

Wichtig ist die Hervorhebung der Sakramentalität des Wortes: In der Verkündigung des Wortes ist Christus selbst gegenwärtig, nicht aber im Buch. Die Verkündigung ist notwendigerweise eine Handlung: wenn das Evangelium verkündet wird, spricht Christus selbst zu seiner Gemeinde. Eine "Inthronisierung" der Hl. Schrift macht das Wort Gottes zu etwas Statischem, unterstreicht vielleicht auch seinen"normativen Wert", ist aber nicht Zeichen einer Präsenz Christi im inthronisierten Buch. In der Feier der Liturgie sollte wohl auch eher die Kommunikation des lebendigen Gottes mit seinem Volk hervorgehoben werden, selbstverständlich ohne die Normen zu verdunkeln. Aber Liturgie ist Feier des Glaubens und nicht Vermittlung von Normen. Gottes Wort ist in Jesus Christus Mensch geworden, nicht Buch. Eine Ehrfurcht vor dem Buch, in dem die Worte der Hl. Schrift aufgezeichnet sind, lässt sich die Liturgiegeschichte hindurch durchaus verfolgen. So wird es nicht auf den Boden gelegt, nicht zusammengeklappt in eine Schublade oder eine Ablage unter dem Lesepult gelegt, sondern - vor allem in der Form des auch besonders ausgestalteten Evangeliars - mit besonderen Zeichen umgeben (Weihrauch, Prozession...). Diese Zeichen dienen aber nicht in erster Linie dem Buch als solchem, sondern unterstreichen den besonderen Moment der Verkündigung. (Auch die Beweihräucherung des Evangeliars sollte nicht in erster Linie das Buch ehren, sondern den Wohlgeruch der Frohen Botschaft darstellen, der zu den Anwesenden gelangt.) So war der Codex, aus dem in der römischen Papstliturgie des 5. Jahrhunderts, wie sie im Lateran gefeiert wurde, das Evangelium verkündet wurde, von besonderem Wert, konnte und musste daher aber auch sofort nach der Verkündigung wieder sicher in einem Nebenraum der Kirche verwart werden. Ist das verkündigte Wort einmal in den Herzen der Menschen angekommen, muss das Buch nicht mehr zur Verehrung inthronisiert werden. Genauso wie die Eucharistie ja nach dem Kommunionempfang auch nicht zur Anbetung ausgesetzt werden soll, sondern - falls notwendig - im Tabernakel - im Idealfall in einer Seitenkapelle - für die Kranken und Sterbenden verwahrt wird.

Über die Bedeutung des Wortes Gottes in der Feier der Liturgie spricht die Konzilskonstitution Sacrosanctum Concilium über die heilige Liturgie eindrucksvoll an acht verschiedenen Stellen.

So sollen die Christen sich "[...] durch das Wort Gottes formen lassen [und] am Tisch des Herrenleibes Stärkung finden" (Art. 48); und in Art. 51 ist vom "Tisch des Gotteswortes" die Rede, der den Gläubigen "reicher bereitet" werden soll. So wie der Altar den Tisch der Eucharistie darstellt, steht der Ambo für den"Tisch des Wortes". Ein Tisch, der bewusst als ein Ort zur Verkündigung geformt ist: sich nähren vom Wort bedeutet Verkündigen und Empfangen/Hören.

Ob es daneben noch einen Ort der Inthronisierung des Buches braucht, ist zumindest zu überlegen. - Wenigstens sollte dieser Ort dann in einem inneren architektonischen Zusammenhang mit dem Ambo stehen. Anzufragen ist allerdings die Gewohnheit, dass der Ambo in der Messfeier zu anderen Gelegenheiten genutzt wird als zur Verkündigung des Wortes Gottes und der Auferstehung Christi. Am Ambo haben die Schriftlesungen (einschließlich Psalm), die Homilie als Auslegung (und damit auch Verkündigung) des Wortes, das Exsultet (als Verkündigung der Auferstehung) und auch die Ankündigung der beweglichen Feste an Epiphanie (denn auch die Festankündigung ist letztendlich Verkündigung der Osterbotschaft, ohne die alle diese Feste keinen Sinn hätten) ihren Platz. Sonst nichts! Wenn allerdings - wie vielerorts üblich - der Ambo als Lese- und Rednerpult für alle möglichen anderen Tätigkeiten missbraucht und seine Bedeutung damit verdunkelt wird, ist verständlich, dass ein weiterer Ort für das Wort angeregt wird. Bevor wir aber Nebensymbole einführen, sollen die eigentlichen Symbole in ihrem Wert wieder entdeckt werden. Das macht dann die Nebensymbole überflüssig und unnötig.

Gleiches gilt grundsätzlich für die Frage nach einem "Sonntag des Wortes Gottes" (was die Feier der Liturgie angeht). Zur Bedeutung des Wortes in der Liturgie äußert sich Art. 35 der Konstitution Sacrosanctum Concilium ziemlich klar:

Damit deutlich hervortrete, daß in der Liturgie Ritus und Wort aufs engste miteinander verbunden sind, ist zu beachten: (1) Bei den heiligen Feiern soll die Schriftlesung reicher, mannigfaltiger und passender ausgestaltet werden. (2) Da die Predigt ein Teil der liturgischen Handlung ist, sollen auch die Rubriken ihr je nach der Eigenart des einzelnen Ritus einen passenden Ort zuweisen. Der Dienst der Predigt soll getreulich und recht erfüllt werden. Schöpfen soll sie vor allem aus dem Quell der Heiligen Schrift und der Liturgie, ist sie doch die Botschaft von den Wundertaten Gottes in der Geschichte des Heils, das heißt im Mysterium Christi, das allezeit in uns zugegen und am Werk ist, vor allem bei der liturgischen Feier. (3) Auch die Pflicht der Unterweisung, die sich unmittelbar mit der Liturgie befaßt, ist in jeder Weise zu betonen. In den Riten selbst sollen, wo es notwendig ist, kurze Hinweise vorgesehen werden; sie sollen vom Priester oder von dem, der für diesen Dienst zuständig ist, jedoch nur im geeigneten Augenblick, nach vorgeschriebenem Text oder in freier Anlehnung an ihn gesprochen werden. (4) Zu fördern sind eigene Wortgottesdienste an den Vorabenden der höheren Feste, an Wochentagen im Advent oder in der Quadragesima sowie an den Sonn- und Feiertagen, besonders da, wo kein Priester zur Verfügung steht; in diesem Fall soll ein Diakon oder ein anderer Beauftragter des Bischofs die Feier leiten.

Nicht umsonst wurde die Leseordnung der Messfeier in der nachvatikanischen Liturgiereform deutlich überarbeitet und reicher ausgestaltet. Jeden Sonntag werden bewusst 4 Lesungen (1. Lesung, Psalm, 2. Lesung und Evangelium) verkündet und zwar vom Ambo aus mit Blickrichtung zur Gemeinde hin. Zudem wurden Sinn und Gebrauch des Evangeliars neu hervorgehoben, das in der Einzugsprozession mitgetragen und dann auf dem Altar abgelegt wird (um die Verbindung des Wortes mit dem Tisch der Eucharistie zu verdeutlichen) und aus dem - mit feierlichen Riten umgeben - das Evangelium verkündet wird und das nach der Verkündigung eben nicht wieder zugeschlagen unter dem Ambo abgelegt wird, um Platz für etwaige Predigtzettel zu machen. All das hebt die Bedeutung des Wortes Gottes hervor. Und zwar jeden Sonntag, nicht nur an einem "Sonntag des Wortes Gottes". Dies gehört zu jeder (sonntäglichen) Messfeier. Wenn allerdings das, was eigentlich zu jedem Sonntag gehört, nicht, oder nur bruchstückhaft, durchgeführt wird (hinzuweisen wäre hier auf die der Intention des 2. Vatikanums widersprechende Gewohnheit, eine der beiden Lesungen ausfallen zu lassen oder den Psalm durch ein Lied zu ersetzen, oder die Riten um die Verkündigung des Evangeliums auf ein Minimum zu reduzieren), kann natürlich das Verlagen nach einem Tag im Jahr entstehen, an dem - auf andere Weise? - die Bedeutung des Wortes herausgestellt wird.

Zusammenfassend: die Verkündigung des Wortes hat höchste und wichtigste Bedeutung an jedem Sonntag und in jeder Messfeier. Sollte der neue eingeführte "Sonntag des Wortes Gottes" diesem Zweck dienen, nämlich das Bewusstsein für die Wortverkündigung in jeder Messfeier im Sinne des letzten Konzils neu zu stärken, so erfüllt er sicher seinen Zweck, schafft sich dadurch aber wieder selber ab. Sollte es aber bei einem neuen "Motto-Sonntag" bleiben, an dem einmal im Jahr die Schrift "inthronisiert" wird und über sie gepredigt wird, so hat er seinen Sinn verfehlt, weil er den Sonntag als Herrentag nicht fördert sondern durch ein neues Motto überdeckt und das ist nicht im Sinne der Liturgiekonstitution, die in Art. 106 festlegt:

Aus apostolischer Überlieferung, die ihren Ursprung auf den Auferstehungstag Christi zurückführt, feiert die Kirche Christi das Pascha-Mysterium jeweils am achten Tage, der deshalb mit Recht Tag des Herrn oder Herrentag genannt wird. An diesem Tag müssen die Christgläubigen zusammenkommen, um das Wort Gottes zu hören, an der Eucharistiefeier teilzunehmen und so des Leidens, der Auferstehung und der Herrlichkeit des Herrn Jesus zu gedenken und Gott dankzusagen, der sie "wiedergeboren hat zu lebendiger Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi von den Toten" (1 Petr 1,3). Deshalb ist der Herrentag der Ur-Feiertag, den man der Frömmigkeit der Gläubigen eindringlich vor Augen stellen soll, auf daß er auch ein Tag der Freude und der Muße werde. Andere Feiern sollen ihm nicht vorgezogen werden, wenn sie nicht wirklich von höchster Bedeutung sind; denn der Herrentag ist Fundament und Kern des ganzen liturgischen Jahres.

Die Christen müssen am Herrentag zusammenkommen, "um das Wort Gottes zu hören" und "an der Eucharistiefeier teilzunehmen". Das Wort Gottes und seine Verkündigung ist also Selbstverständlichkeit eines jeden Sonntags und braucht keinen Extra-Sonntag; in diesem Sinne ist jeder Sonntag "Tag des Wortes Gottes". Es gibt ja auch keinen besonderen "Sonntag der Eucharistie" (die Entstehung des Fronleichnamsfestes ist übrigens auch in einer Zeit angesiedelt, in der sich die Symbole der Eucharistiefeier dem einfachen Christen in ihrer Bedeutung weitgehend entzogen hatten...).

Interessant ist übrigens, dass das Motuproprio die Liturgiekonstitution mit ihren vielfältigen Aussagen zur Bedeutung des Wortes Gottes in der Liturgie nicht ein einziges Mal zitiert.

Kommentiere diesen Post

H
Jeder Sonntag ist ein Tag, an dem in der Predigt des Wortes Gottes im Mittelpunkt zu stehen hat. Zeigt diese Initiative des Papstes an, dass genau dies vielfach nicht stattfindet?
Antworten
J
Danke für die richtigstellenden Aussagen zu dem Motu proprio.
Es war für die pastorale Praxis schon immer von Vorteil, sechs Achtel der aus Rom erflossenen Dokumente gleich nach Eingang zu schubladisieren.
Antworten