Latein als Liturgiesprache: Zur Diskussion vor dem 2. Vatikanischen Konzil

Veröffentlicht auf von Markus Tymister

Latein als Liturgiesprache: Zur Diskussion vor dem 2. Vatikanischen Konzil

Schon weit vor der Ankündigung des Konzils (am 25. Januar 1959 durch Papst Johannes XXIII) hatte die Ritenkongregation im Jahr 1947 eine Serie von Zugeständnissen zum Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie gemacht. Im deutschen Sprachraum ist vor allem die Collectio Rituum zu nennen, ein erstes gemeinsames Ritusbuch für alle deutschsprachigen Diözesen, das nach und nach von allen Bistümern Österreichs und Deutschlands rezipiert wurde. Dieses Buch sieht für die meisten Wortelemente der Riten die deutsche Sprache vor.

Im selben Zeitraum hatte das Hl. Offizium am 14. April 1949 die, noch wesentlich bedeutsamere, Erlaubnis zur Erarbeitung eines Messbuchs auf mandarin-chinesisch gegeben, das den Gebrauch der Volkssprache vom Anfang der Messe bis zum Beginn des Canons und vom Schlussgebet bis zum Ende der Messe vorsehen sollte, wobei der Canon auf Latein bleiben sollte [er wurde damals ausschließlisch still gebetet], während die laut zu sprechenden Teile (Vater unser, Der Friede des Herrn..., Lamm Gottes) wiederum auf chinesisch zu sprechen sind: "[...] a principio missae usque ad initium canonis et a postcommunione usque in finem missae; dum Canon manet in lingua latina, tamen partes quae alta voce recitantur (Pater noster, Pax Domini et Agnus Dei) iterum sunt in lingua sinensi" (Documenta ad instaurationem liturgicam spectantia (1903 - 1963), ed. C. Braga - A. Bugnini, Roma 2000, 663).

Dass Papst Johannes VIII (+ 882) dem Hl. Methodius die Erlaubnis erteilte, die Liturgie statt in lateinischer in slawischer Sprache zu feiern, da "Gott alle Sprachen zu seinem Lob und zu seiner Ehre geschaffen hat", ist darüberhinaus allgemein bekannt.

C. Vagaggini (+ 1999) kommentiert das Vorgehen des Hl. Stuhls im Jahr 1957: "Wenn der Heilige Stuhl in der Regel am Latein als an der Sprache der römischen Liturgie festhält, so doch nicht starr." Der Heilige Stuhl anerkennt "[...] einerseits das die Beteiligung fördernde Element der Volkssprache, andererseits das einheitsfördernde Moment des Lateins" (C. Vagaggini, Theologie der Liturgie, übers. A. Berz, Einsiedeln-Zürich-Köln 1959, 445-447; erstmals erschienen im Original Il senso teologico della liturgia, Roma 1957).

Gegen eines der Hauptargumente gegen die Einführung der Volkssprache in die Liturgie bringt Vagaggini folgendes vor: "Das Argument, daß eine stereotype, altehrwürdige, nicht allgemein verstandene Sprache den Mysteriumscharakter der heiligen Handlung unterstreiche, hat zwar etwas für sich, ist aber nicht entscheidend, denn das Ehrwürdige und Geheimnisvolle der Liturgie beruht auf einem viel solideren und tieferen Fundament, nämlich auf dem in der Liturgie unter dem Schleier sinnenfälliger Zeichen sich hier und jetzt vollziehenden Christusmysterium. Wesentlich ist, daß der Gläubige von diesem Mysterium angerührt wird, was um so eher der Fall ist, wenn er dessen liturgischen Ausdruck versteht. Erblickten denn die Urchristen und sehen heute die Priester und die klassisch Gebildeten in der Liturgie kein Mysterium?" (ebd. 445-446 Fn. 69).

(Vgl. zum Gesamten auch: A. Lameri, «Un 'perito' a servizio del concilio e della riforma liturgica promossa dal Vaticano II», Rivista Liturgica 96 (2009) 348-361, hier 355-357.)

Participatio actuosa, die tätigeTeilnahme aller, bedeutet die durch die Liturgie vermittelte Teilnahme an dem einen großen Mysterium unseres Glaubens und unserer Erlösung: dem Durchgang Christi durch den Tod zur Auferstehung. Es geht nicht um einen "geheimnisvollen Ritus" sondern um ein immer tiefer zu erfassendes, zu lebendes und zu verkündendes Glaubensgeheimnis.

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K
Es würde Sinn machen, aramäisch als liturgische Sprache vorzuschreiben – denn das war die Sprache, in der Jesus mit den Jüngern gesprochen hat. Oder griechisch – denn in dieser Sprache schrieben die Evangelisten, Paulus und die Autoren der übrigen Schriften des Neuen Testaments. Oder die jeweilige Landessprache – denn Jesus lehrte ebenfalls in der Sprache der Menschen, mit denen er zu tun hatte.
Für Latein als Liturgiesprache spricht eigentlich gar nichts. Immerhin war das die Sprache der Besatzungsmacht, die das jüdische Volk (zu dem auch Jesus und die Jünger gehörten) unterdrückte. Die Sprache jener, die Jesus ans Kreuz schlugen.
Latein konnte sich als Liturgiesprache nur durchsetzen, weil sich die römische Kirche durch Taktieren und Lügen (Stichwort: Konstantinische Schenkung) zum Oberhaupt der Gesamtkirche gemacht hat. Merkwürdig, dass die Kirche auch dann noch auf Latein als Liturgiesprache bestand, als das schon seit weit über tausend Jahren eine TOTE Sprache war. Merkwürdig, dass sich die Kirche erst fast zweitausend Jahren nach dem Pfingstwunder – jenem Ereignis, bei dem die Anwesenden ALLER Nationen die Jünger in ihrer Landessprache (!) hörten – dazu herabließ, die Liturgie in der Landessprache lesen zu lassen. Bis dahin galten für die Katholiken die Worte der Heiligen Schrift: »An ihnen erfüllt sich die Weissagung Jesajas: Hören sollt ihr, hören, aber nicht verstehen.« (Mt 13,14)
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N
Ein sehr interessanter Kommentar, der zudem auch Geschichtliches liefert. Das mit der Liturgiesprache Mandarin-Chiniesisch erfuhr ich auch erst aus diesem Artikel.
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R
Bezüglich der Messe war Rom nicht so offen. Zwar wurde 1943 neben Chor- und Betsingmesse auch das Deutsche Hochamt anerkannt. Doch der Streit beim Wiener Kirchenmusikkongress 1954 über die sogenannten volksliturgischen Messformen führte dazu, dass Rom 1955 volkssprachige Gesänge verbot, die den wörtlich übersetzten Text von Ordinarium und Proprium enthielten. (Jahre später war dieses Verbot ohnehin obsolet...)