"Wie sich das Wasser mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen..."

Veröffentlicht auf von Markus Tymister

"Wie sich das Wasser mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen..."

Da es in Palestina zur Zeit Jesu kaum Möglichkeiten gab, Wein kühl zu stellen, um ihn über längere Zeit aufzubewahren, ohne Gefahr zu laufen, dass er zu Essig wird, hatte man eine andere Methode entsonnen, ihn zu konservieren: man erhitzte ihn einfach so lange, bis durch das Verdampfen des enthaltenen Wassers eine dickflüssige, sirupartige Substanz übrigblieb. Diesem Sirup musste, bevor man ihn als Wein trinken konnte, wieder Wasser zugefügt werden. Beim altjüdischen festlichen Gastmahl gehörte Wein üblicherweise dazu, er wurde aus genannten praktischen Gründen als Mischwein getrunken. Das Mischen selbst geschah während des Mahles vor den Augen der Gäste durch einen Bediensteten, bei größeren Gastmählern gab es einen eigens bestellten Weinmischer (vgl. H. Strack - P. Billerbeck, Exkurse zu einzelnen Stellen des Neuen Testaments 2 (Kommentar zum Neuen Textament aus Talmud und Midrasch 4/2), München 1928, 613-614). Das Mischungsverhältnis war von der Stärke des Weins abhängig und konnte ohne Probleme auch zwei Drittel Wasser auf ein Drittel Wein betragen. So ist davon auszugehen, auch wenn dies in den Abendmahlsberichten nicht ausdrücklich erwähnt wird, dass Jesus bei seinem letzten Abendmahl mit seinen Jüngern, betreffs des Weins den jüdischen Gepflogenheiten gefolgt ist und Mischwein verwendet hat.

Zweifelsohne hat es im ersten Jahrhundert der Christenheit auch Eucharistiefeiern mit Brot und Wasser oder mit Brot und reinem Wein (außerhalb des jüdisch-hellenistischen Kulturraumes wurde Wein in der Regel nicht gemischt) gegeben; schnell setzte sich bei den Christen aber der Wunschr durch, bei der Feier der Eucharistie genau das zu tun, was Jesus getan hat, und daher auch den Wein mit Wasser zu mischen, selbst dann, wenn Wein verwendet wurde, der auch ohne Wasser getrunken werden konnte.

Um die Mitte des 2. Jahrhunderts berichtet der Märtyrer Justin in seiner ersten Apologie (einer Verteidigungsschrift des Christentums, gerichtet an den römischen Kaiser) über die Feier der Eucharistie nach der Taufe:

Wir aber führen nach diesem Bade den, der gläubig geworden und uns beigetreten ist, zu denen, die wir Brüder nennen, dorthin, wo sie versammelt sind, um gemeinschaftlich für uns, für den, der erleuchtet worden ist, und für alle andern auf der ganzen Welt inbrünstig zu beten, damit wir, nachdem wir die Wahrheit erkannt haben, gewürdigt werden, auch in Werken als tüchtige Mitglieder der Gemeinde und als Beobachter der Gebote erfunden zu werden, und so die ewige Seligkeit zu erlangen. Haben wir das Gebet beendigt, so begrüßen wir einander mit dem Kusse. Darauf werden dem Vorsteher der Brüder Brot und ein Becher mit Wasser und Wein gebracht; der nimmt es und sendet Lob und Preis dem Allvater durch den Namen des Sohnes und des Heiligen Geistes empor und spricht eine lange Danksagung dafür, daß wir dieser Gaben von ihm gewürdigt worden sind. Ist er mit den Gebeten und mit der Danksagung zu Ende, so gibt das ganze Volk seine Zustimmung mit dem Worte „Amen“. Dieses Amen bedeutet in der hebräischen Sprache soviel wie: Es geschehe! Nach der Danksagung des Vorstehers und der Zustimmung des ganzen Volkes teilen die, welche bei uns Diakonen heißen, jedem der Anwesenden von dem verdankten Brot, Wein und Wasser mit und bringen davon auch den Abwesenden.

Justinus, 1. Apologie, 65

Im 3. Jahrhundert wendet sich Bischof Cyprian von Karthago (+ 258) dann audrücklich gegen den Brauch, bei der Feier der Eucharistie nur Wasser zu verwenden. In seinem 63. Brief schreibt er:

Wir bedürfen nun gar nicht erst vieler Beweise, teuerster Bruder, um darzutun, daß mit der Bezeichnung “Wasser" stets die Taufe gemeint ist und daß wir sie nur so zu verstehen haben. Denn der Herr hat bei seiner Ankunft die richtige Beschaffenheit der Taufe und des Kelches deutlich gezeigt, indem er befahl, jenes Glaubenswasser, jenes Wasser des ewigen Lebens den Gläubigen in der Taufe zu spenden, bezüglich des Kelches aber durch sein lehrendes Beispiel zeigte, daß er mit einer Mischung aus Wein und Wasser gefüllt werden solle. Denn als er am Tage seines Leidens den Kelch nahm, segnete er ihn, gab ihn seinen Jüngern und sprach: “Trinket alle daraus! Denn dies ist das Blut des Testaments, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch: Nimmer werde ich von jetzt ab trinken von diesem Erzeugnis des Weinstockes bis zu jenem Tage, an dem ich es mit euch neu trinken werde im Reiche meines Vaters [Matth. 26, 27-29]." An dieser Stelle erfahren wir, daß der Kelch, den der Herr darbrachte, mit einer Mischung gefüllt war und daß es Wein gewesen ist, was er Blut nannte. Daraus geht hervor, daß Christi Blut nicht dargebracht wird, wenn im Kelche der Wein fehlt, und daß das Opfer des Herrn nicht mit der rechtmäßigen Heiligung gefeiert wird, wenn nicht die Darbringung und unser Opfer dem Leiden entspricht. Wie aber sollen wir von dem Erzeugnis des Weinstocks mit Christus im Reiche seines Vaters neuen Wein trinken, wenn wir beim Opfer Gottes, des Vaters, und Christi nicht Wein darbringen und den Kelch des Herrn nicht nach seiner Überlieferung mischen?

Cyprianus, Ep. 63, 9

Cyprian geht es, vor aller theologisch-spirituellen Deutung, darum, eben genau das zu tun, was Jesus getan hat, nämlich nach seinem Vorbild den Wein mit Wasser zu mischen; auch wenn das von der umgebenden Kultur, bzw. von der Beschaffenheit des Weines nicht mehr gefordert ist.

Seit dem dritten Jahrhundert kann man mit Sicherheit annehmen, dass die Christen bei der Feier der Eucharistie Mischwein verwendet haben. Über das Mischungsverhältnis machte man sich dabei allerdings keine größeren Gedanken. Eine über das Nachahmen Jesu hinausgehende spirituelle Deutung der Mischung entwickelt sich dann im Nachklang zur Praxis (vgl. v.a. A. Angenendt, Offertorium. Das mittelalterliche Meßopfer (LQF 101), Münster ²2013, 34):

Eine erste Ausdeutung basiert auf Joh 19,34: "Einer der Soldaten stieß mit der Lanze in seine [Jesu] Seite, und sogleich floß Blut und Wasser heraus." Diese Deutung verbindet die Eucharistie (Blut) gleichzeitig eng mit der Taufe (Wasser). Man spricht auch von der österlichen Deutung. Eine zweite Deutung fußt auf einer Stelle aus der Apokalypse (Offb 17,15: "Du hast die Wasserströme gesehen [...]; sie bedeuten die Völker und Menschenmassen, Nationen und Sprachen.") Die Beifügung von Wasser zum Wein wird so interpretiert als Teilhabe der Menschheit an der Gottheit Christi. Diese Deutung wird noch heute im stillen Begleitgebet, dass der Priester bei der Mischung spricht, ausgedrückt:
Wie sich das Wasser mit dem Wein verbindet zum heiligen Zeichen, so lasse uns dieser Kelch teilhaben an der Gottheit Christi, der unsere Menschennatur angenommen hat.
In Form eines Begleitwortes zur Mischung taucht diese Interpretation erstmals im 10. Jahrhundert im sog. rheinischen Messordo auf und kurz darauf im Umfeld der Kluniazenser in Italien. Auf diesem Wege kam sie in das Messbuch der römischen Kurie und dann in das Messbuch von 1570-1962. Bis zum Konzil von Trient findet sich die österliche Deutung wesentlich häufiger in den verschiedenen Messbüchern als die weihnachtliche Deutung der Verbindung Christi mit der Menschheit, mit seinem Leib, der Kirche. - Vor allem in östlichen Liturgien ist die Deutung der Mischung auch als Hinweis auf die göttliche und menschliche Natur in Christus (unvermischt! und ungetrennt) verbreitet.

In der letzten Liturgiereform stellte sich in der mit dem Ablauf der Messfeier befassten Arbeitsgruppe die Frage, ob der Ritus der Mischung beibehalten werden solle. Da die Beschaffenheit des Weins eine Mischung heute nicht mehr erforderlich macht, war man sich der Problematik der spirituellen Deutung bewusst: Christus ist Gott und Mensch, beide Naturen sind in ihm allerdings ungetrennt und unvermischt; während sich das Wasser mit dem Wein durchaus vermischt. Auch unsere Teilhabe an der Gottheit Christi ist nicht einfach eine Vermischung, die ein neues Ganzes ergibt, das man nicht mehr auseinanderhalten kann. Auch wenn strengenommen keine Notwendigkeit besteht, bei der Eucharistie Mischwein zu verwenden, so gab das schon von Cyprian angeführte Argument, das möglichst genau zu tun, was Christus getan hat, den Ausschlag, den Brauch beizubehalten.

Was die Menge des dem Wein beizumischenden Wassers betrifft, unterstreicht Rupert Berger («Naturelemente und technische Mittel», in: Gestalt des Gottesdienstes (GdK 3), Regensburg 1987, 264) , dass im Laufe der Geschichte darüber kaum Überlegungen angestellt wurden; "[...] höchstens wurde betont, dass die Weinmenge überwiegen solle", zumindest dort, wo die Beschaffenheit des Weines die Mischung nicht verlangt. Erst im 14. Jahrhundert bildete sich in einigen Gegenden, allerdings nicht universal verbreitet, ein sorgfältiges Abmessen der Wassermenge heraus; "[...] vielfach ist von drei Tropfen die Rede."

Aber auch diese Gewohnheit findet keine allgemeine Verbreitung. Das Messbuch von 1962 kennt genauso wie das nachkonziliare Messbuch nur den Hinweis, dass dem Wein etwas Wasser beigefügt wird. Nur in Gegenden, in denen man sich mehr Gedanken über die Menge des beizumischenden Wassers machte, begegnet dann auch der sog. Kelchlöffel, ein kleiner Löffel der zu diesem Zweck gebraucht wird.

Die Verbreitung dieses Löffelchens kann man am besten aus den Inventarlisten der Kirchen ersehen. Die von Joseph Braun (Das christliche Altargerät, München 1932, 444-447) vorgelegte Auswertung dieser Inventare lässt erkennen, dass die frühesten Belege für den Kelchlöffel aus dem letzten Viertel des 13. Jahrhunderts stammen. Hauptsächlich war der Löffel im nördlichen Frankreich und in Flandern verbreitet, einige Belege liegen auch für den Nordosten Spaniens, für England und Deutschland vor, allerdings war er dort bei weitem nicht so verbreitet wie in Frankreich. Außerhalb des nordalpinen Bereichs begegnet der Kelchlöffel nur bei der feierlichen Papstmesse, erstmals in einem Messordo um das Jahr 1400. Da die Päpste von 1309-1377 in Avignon residierten, haben sie wohl dort den Kelchlöffel benutzt und den Brauch bei der Rückkehr nach Rom mitgenommen. Außerhalb der päpstlichen Liturgie ist der Kelchlöffel in Italien unbekannt geblieben.

Eine größere Verbreitung erfährt der Kelchlöffel in der Zeit des Barocks, insbesondere auch in Deutschland; von einer universalen Verbreitung kann allerdings zu keiner Zeit die Rede sein. Mancherorts wurden zudem auch Messkännchen mit langen dünnen Ausgussröhrchen verwendet, die den Gebrauch eines Löffels nicht nur überflüssig sondern auch fast unmöglich machten. In der Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzils ist der Kelchlöffel fast überall wieder außer Gebrauch geraten; ein besonderer Nutzen ist ihm nicht zuzuschreiben. Eine Gefahr, beim Gießen aus dem Kännchen die Wassermenge falsch zu bemessen, besteht nicht.

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