"Und mit deinem Geiste" oder "Und auch mit dir"?

Veröffentlicht auf von Markus Tymister

"Und mit deinem Geiste" oder "Und auch mit dir"?

Verschiedentlich taucht in der Diskussion immer wieder die Frage auf, ob die Antwort "Et cum spiritu tuo - Und mit deinem Geiste", die auf den liturgischen Gruß "Dominus vobiscum - Der Herr sei mit euch" folgt, nicht besser wiederzugeben wäre mit "Und auch mit dir", wie schon von J. A. Jungmann in seiner genetischen Erklärung der römischen Messe Missarum sollemnia (Bd. 1, Wien-Freiburg-Basel (5)1962, 466) angeregt. Damit hängt auch die Frage zusammen, was denn "Und mit deinem Geiste" nun eigentlich bedeutet.

Die Grußformel "Der Herr (sei) mit euch" kommt in den Liturgien aller Kirchen vor und hat ihren Ursprung im Brauchtum des jüdischen Volkes, das sich - wie andere Gesellschaften auch - den Gruß mit dem Segenswort des Gottesnamens entbot (vgl. A. Häußling, «Akklamationen und Formeln», in Gestalt des Gottesdienstes, hg. H. B. Meyer u.a. (GdK 3), Regensburg 1987, 226). Wörtlich finden wir die Formel "Dominus vobiscum" im Alten Testament in Rut 2,4, mit der Antwort "Benedicat tibi Dominus." Zum ersten Mal für die christliche Liturgie ist die Grußformel einschließlich ihrer Antwort "Et cum spiritu tuo" in der sogenannten Traditio apostolica, (Kap. 4, ed. B. Botte (LQF 39), Münster 1989, 10) bezeugt, einer altkirchlichen Kirchenordnung, die wohl im Rückgriff auf frühere Quellen des syrischen und ägyptischen Bereiches aus den ersten christlichen Jahrhunderten zusammengestellt worden ist. (Die früher oft vertretene Zuschreibung der Traditio apostolica an Hippolyt von Rom (+ 235/236) ist nach neueren wissenschaftl. Erkenntnissen nicht haltbar: s. Ch. Markschies, «Wer schrieb die sogenannte Traditio Apostolica?», in W. Kinzig - Ch. Markschies - M. Vinzent, Tauffragen und Bekenntnis. Studien zur sogenannten "Traditio Apostolica", (AKG 74), Berlin 1999 1-74.) In der Traditio apostolica finden sich Gruß und Antwort an der Stelle, an der sie sich seitdem in allen Liturgien finden: Am Beginn der Anaphora, des eucharistischen Hochgebetes. Dieser Gruß am Beginn des Eucharistiegebetes scheint also schon zu einer Zeit festgelegt zu sein, in der der dann folgende Text des Gebetes noch frei formuliert werden konnte (s. Traditio apostolica, Kap. 9, ed. Botte, 28: Der Bischof spricht die Danksagung, ist aber nicht gezwungen, sich an den vorgebenen Text zu halten. Es genügt, wenn sein Gebet orthodox ist.)

Die Interpretation der Grußantwort "Und mit deinem Geiste" gestaltet sich schwierig. Jungmann (s.o.) nimmt 1962 noch an, dass sich "Geist" auf die angeredete Person, also den Priester, beziehe (Spiritus tuus = deine Person = du). Es bleibt aber strittig, ob in den semitischen Sprachen Geist überhaupt ein Personalpronomen ersetzen kann, und offensichtlich hält das christliche Altertum an dieser komplexen Formulierung nicht grundlos fest und ersetzt sie nicht durch das Personalpronomen du bzw. dir (vgl. Häußling, «Akklamationen und Formeln», 227).

Der Kirchenvater Johannes Chrysostomus (+ 407) erklärt den "Geist" in einer seiner Predigten mit dem im geweihten Amtsträger innewohnenden Heiligen Geist (In II. Tit. hom, 10, 3, ed. J. P. Migne (PG 62) 659-660). Diese Erklärung, obgleich im Mittelalter normativ geworden, erscheint heute den meisten Interpreten als "[...] theologisch abgeleitet und gar gekünstelt." (Häußling, «Akklamationen und Formeln», 227).

Gleichzeitig ist, obwohl hier die Rede von Gruß und Gegengruß ist, die Formel nicht allein als eine Begrüßung, wie wir sie im Alltagsleben kennen, zu verstehen. Schon die mehrfache Wiederholung des Grußes im Verlauf der Messfeier würde eine solche Deutung ad absurdum führen. Im Messbuch 1970-2008 finden wir Gruß und Gegengruß an fünf Stellen:

  1. In den eröffnenden Riten nach dem Kreuzzeichen und dem trinitarischen Votum. Hier kann der Gruß auch durch eine der anderen aus dem NT bekannten Grußformeln erweitert werden, bzw. der Bischof verwendet den Gruß des auferstandenen Herrn "Der Friede sei mit euch" an dieser Stelle.
  2. Vor dem Evangelium (seit dem XI. Jh. verbindlich).
  3. Zu Beginn des Eucharistiegebetes (wohl seit dem 2. Jh. an dieser Stelle üblich).
  4. Vor dem Segen und der Entlassung.

Mit Jungmann ist anzunehmen, dass der Gruß seinen Ursprung in der Aufforderung, genau hinzuhören, einzustimmen in das Gebet, sich der Handlung anzuschließen, hat. Er soll also in erster Linie Aufmerksamkeit wecken für das, was folgt (vgl. Jungmann, Missarum sollemnia 1, 465). Daher ist im römischen Ritus der Gruß ursprünglich Bestandteil jeder Oration ("Dominus vobiscum. - Et cum spiritu tuo. Oremus...") und steht auch vor der Ankündigung "Ite, missa est - Geht, das Opfer ist vollbracht". (Die Interpretation: "Geht, es ist Entlassung" greift nach neueren Forschungen zu kurz. Die Ankündigung der Vollendung des Opfers hatte ein großes Gewicht.) Außerdem finden wir ihn jetzt immer noch am Beginn der zentralen Elemente des Wortgottesdienstes (Verkündigung des Evangeliums) und der Eucharistiefeier (Eucharistiegebet mit Kommunion).
Unser Gruß übersteigt aber rein sprachlich schon den Charakter einer bloßen Aufforderung oder Einladung. In vielen Liturgien sind außerdem auch deutliche Aufforderungen, wie "Habt acht - Steht in Ehrfurcht - Hört zu", zusätzlich bekannt. Neben der Einladung will der Gruß vor allem eine liturgische Wirklichkeit zum Ausdruck bringen: die Gegenwart des Herrn im dialogischen Geschehen der Liturgie.
In der Reform des Messordo nach dem 2. Vatikanischen Konzil ist daher der erste Gruß von der Oration weggerückt und hat nun seinen Platz nach dem Eröffnungsgesang und dem Kreuzzeichen. Da aus dem einstmals privaten Stufengebet auch das Schuldbekenntnis in die eröffnenden Riten übernommen wurde (bzw. ein Bußakt in anderer Form möglich ist), beginnt das dialogische Geschehen nun nicht erst mit der Oration (Kyrie - und Gloria - waren ursprünglich Begleitgesänge zu den Eröffnenden Riten/Einzugsprozession, an die sich dann sofort die Oration (Tagesgebet) anschloss - so heute noch Palmsonntag und Karfreitag), sondern schon mit dem Bußakt. Daher war es schlüssig, die Feststellung der Gegenwart des Herrn und die Aufforderung, sich dem Geschehen anzuschließen (beides enthalten in Gruß und Antwort) weiter vorzuziehen.

In Gruß und Gegengruß "Der Herr sei mit euch - Und mit deinem Geiste" spricht sich die Versammlung gegenseitig (die Gegenseitigkeit wird hier deutlich gemacht im Wechsel von Vorsteher und Gemeinde) den Geist des Herrn zu, in dessen Namen sie versammelt ist, und der sie zur Feier der Liturgie zusammenruft und vereint (vgl. R. Messner, Einführung in die Liturgiewissenschaft, Paderborn 2001, 177-178). Die Antwortformel "Und mit deinem Geiste" bezieht sich so auf den in Taufe und Firmung verliehenen Heiligen Geist, der alle Anwesenden mit Christus und untereinander verbindet. Dies wird auch deutlich in einigen neutestamentlichen Briefschlüssen, wie z. B. Gal 6,18: "die Gnade unseres Herrn Jesus Christus mit eurem Geist, Brüder." (s. auch Phil 4,23; Phlm 25 und 2 Tim 4,22).

Die Formel ist und bleibt sperrig. Die Mühen um eine angemessene Interpretation zeigen, dass es nicht möglich ist, in wenigen Worten all das wiederzugeben, was hier gemeint ist: Nicht nur das Zusprechen, sondern auch die Feststellung, dass - wenn Christus mit uns Liturgie feiert - er selbst in seinem Geist gegenwärtig ist, uns miteinander verbindet; er, der sich uns, seine Kirche zugesellt in "[...] diesem großen Werk, in dem Gott vollkommen verherrlicht und die Menschheit geheiligt werden [...]" (SC 7).
Um die Feststellung dieser Tatsache und gleichzeitig um den Wunsch, dass sie immer mehr Wirklichkeit werde in dieser konkreten Feier, geht es in Gruß und Gegengruß und, im weiteren Verlauf der Feier, immer wieder um die Versicherung dieser Wirklichkeit. Nur mit Christus vereint und in seinem Geist können wir Liturgie feiern. Dessen werden wir uns jedes Mal bewusst, wenn wir "Und mit deinem Geiste" antworten. In der kurzen Formel verdichtet sich eine Wirklichkeit, die in andere Worte nicht zu fassen ist.

Eine gewisse Problematik besteht tatsächlich in den eröffnenden Riten. Nach dem Eröffnungsgesang und dem Einzug (und den ihn begleitenden Riten: Altarkuss, Inzenz) folgt das trinitarische Votum "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen", das übrigens auf besonderen Wunsch Papst Paul VI. und unter Kritik der Experten aus dem Stufengebet des vorhergehenden Messritus in den neuen Ordo Missae eingefügt worden ist (vgl. A. Bugnini, La riforma liturgica (1948 - 1975), (BEL.S 30) Roma 1983, 363.365). Das Votum drückt schon aus, dass wir auch im Namen des Herrn Jesus Christus versammelt sind. Dies ist zumindest ein Teil dessen, was dann zusätzlich noch in der sofort sich anschließenden Grußformel zum Ausdruck kommt. Wenn dann die Grußformel - wie im Messbuch 1970-2008 als Möglichkeit vorgesehen - auch noch zum trinitarischen Gruß erweitert wird "Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes des Vaters und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch", so stehen wir entgültig vor einer Doppelung, die nach SC 50 eigentlich vermieden werden soll.

Mit Angelus A. Häußling («Akklamationen und Formeln» 229) lässt sich sagen: "Es gibt in der Liturgie kaum eine andere Sprechhandlung, die ähnlich dicht 'das Mysterium der versammelten Kirche zum Ausdruck' bringt (vgl. AEM 28 zum eröffnenden Grußdialog der Eucharistiefeier). Sie stellt auch heute noch [...] eine verbindende Klammer unter vielen liturgischen Feiern der verschiedenen Kirchen der Christenheit dar."

Auch wenn ein Gruß als Ausdrucksform eigentlich den Optativ fordert, also einen Wunsch ausdrückt und daher die deutsche Übersetzung von "Dominus vobiscum" den Konjunktiv "Der Herr sei mit euch" verwendet, so wie es auch viele andere moderne Sprachen tun, wäre eine indikativische Übersetzung nicht von der Hand zu weisen: "Der Herr ist mit euch - Und (er ist) mit deinem Geiste". Der lateinische Text lässt beide Übersetzungen zu. Es geht nicht nur um einen Wunsch, sondern um eine - im Dialog zum Ausdruck gebrachte - Feststellung. Die Indikativische Formulierung würde zudem die formale Nähe zu einer "Begrüßung" verringern; dies hätte zur Folge, dass auch die Antwort "Und mit deinem Geiste" nicht mehr in erster Linie als auf die Person des Priesters gerichtet verstanden würde, sondern eben eher als das, was sie ist: eine Feststellung einer liturgischen und für die Feier notwendigen Gegebenheit. Auf diesem Hintergrund entspräche eine Übersetzung der Antwort mit "Und auch mit dir" nicht dem, was die Formel eigentlich zum Ausdruck bringen will.