Das Eucharistische Hochgebet und das Konzil

Veröffentlicht auf von Markus Tymister

Das Eucharistische Hochgebet und das Konzil

Die Liturgiekonstitution des 2. Vatikanischen Konzils hat in der Hauptsache grundsätzliche Aussagen gemacht und allgemeine Reformziele festgelegt, die für den ganzen Bereich der Liturgie Gültigkeit haben sollen. Das Konzil sah seine Aufgabe ausdrücklich nicht darin, diese allgemeinen Prizipien schon auf bestimmte liturgische Handlungen oder Abläufe anzuwenden. Die konkrete Umsetzung der allgemeinen Prinzipien sollte ausdrücklich einer nachkonziliaren Kommission überlassen werden.

Nun sagt die Liturgiekonstitution an keiner Stelle etwas über den Canon Missae, das damals im römischen Ritus einzig gebräuchliche Hochgebet. Nicht selten wird dieses Schweigen als Argument dafür herangezogen, dass die Konzilsväter beabsichtigt hätten, den Römischen Kanon unverändert zu belassen und für seinen Vortrag ausschließlich die lateinische Sprache vorzusehen wäre. Ein Blick in die Akten des Konzils bringt allerdings einen ganz anderen Befund zu Tage: der Kanon sollte keineswegs aus dem Reformvorhaben ausgeklammert werden (vgl. auch O. Nußbaum, «Einheit, Variabilität und Pluralität der Hochgebete (1980)», in ders., Geschichte und Reform des Gottesdienstes. Liturgiewissenschaftliche Untersuchungen, Paderborn-München-Wien-Zürich 1996, 87). Dies wird gerade in den Beratungen in der Konzilsaula deutlich.
Im ersten Textentwurf für die Liturgiekonstitution war in Art. 37 zu lesen: Ordo Missae ita recognoscatur, sive in generali dispositione sive in singulis partibus, ut clarius percipiatur et actuosam fidelium participationem faciliorem reddat. - "Der Messordo soll so überarbeitet werden, sei es in der allgemeinen Gliederung wie auch in den einzelnen Teilen, dass er deutlicher erkennbar werde und die tätige Teilnahme der Gläubigen erleichtere."
Bei der ersten Diskussion des Entwurfes forderte schon ein Bischof, nämlich Wilhelm Joseph Duschak von den Philippinen, dass der Canon Missae überarbeitet, bzw. ihm ein alternativer Text beiseite gestellt werden solle und dass er in der Volkssprache vorzutragen sei (s. Acta Synodalia Sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II, Bd. 1/2, Typis Polyglottis Vaticanis 1970, 110-111), allerdings wurde die Frage nicht weiter behandelt.
In der Endfassung der Konstitution war aus dem Art. 37 der Art. 50 mit folgendem Wortlaut geworden:

Der Meß-Ordo soll so überarbeitet werden, daß der eigentliche Sinn der einzelnen Teile und ihr wechselseitiger Zusammenhang deutlicher hervortreten und die fromme und tätige Teilnahme der Gläubigen erleichtert werde.

Deshalb sollen die Riten unter treulicher Wahrung ihrer Substanz einfacher werden. Was im Lauf der Zeit verdoppelt oder weniger glücklich eingefügt wurde, soll wegfallen. Einiges dagegen, was durch die Ungunst der Zeit verlorengegangen ist, soll, soweit es angebracht oder nötig erscheint, nach der altehrwürdigen Norm der Väter wiederhergestellt werden.

2. Vatikanisches Konzil, Konstitution über die Hl. Liturgie "Sacrosanctum Concilium" (4. Dez. 1963), Art. 50

In der Abschlussberatung über diesen Artikel, in der 71. Generalkongregation des Konzils, forderten dann drei Bischöfe, dass man den Canon Missae ausdrücklich von der Reform ausnehmen solle: Expresse dicatur "semper intacta forma ipsius Canonis". Der zuständige Relator erklärte aber daraufhin, dass das übergeordnete Prinzip der treulichen Wahrung der Substanz der Riten genügen möge, und die Dinge ansonsten der nachkonziliaren Kommission überlassen werden sollten (s. Acta Synodalia Sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II, Bd. 2/5, Typis Polyglottis Vaticanis 1973, 582), die in dieser Hinsicht freie Hand bekam. Diese Ansicht bestätigen die Konzilsväter, in dem sie in der Schlussabstimmung die Konstitution mit übergroßer Mehrheit (2158- Ja und 19 Nein-Stimmen) annahmen.

In Art. 54 der Konstitution geht es um die Frage nach der Muttersprache. In der Abschlussdebatte derselben 71. Generalkongregation verlangten 22 von den über 2000 Konzilsvätern, dass der Gebrauch der Muttersprache für den Kanon ausdrücklich ausgeschlossen werden sollte. Diese Forderung wurde mit der Erklärung zurückgewiesen, dass es nicht angebracht erscheint, dass das Konzil formal etwas untersagt, was der Apostolische Stuhl in besonderen Fällen zugestehen kann und auch in der Vergangenheit schon zugestanden hat (s. Acta Synodalia Sacrosancti Concilii Oecumenici Vaticani II, Bd. 2/5, Typis Polyglottis Vaticanis 1973, 586).

Daraus folgt, dass die Konzilsväter durchaus auch den Kanon bei ihren Reformüberlegungen und Beschlüssen vor Augen hatten und ihn keineswegs aus dem Gesamtvorhaben ausschließen wollten. Das wäre auch gar nicht möglich gewesen. Wenn eine Reform von pastoralen und letztendlich theologischen Prinzipien ausgeht, kann sie sich nicht auf einige kleinere oder auch größere Änderungen in einigen Riten oder Texten beschränken, sondern muss die gesamte Liturgie umfassen. So schreibt Otto Nussbaum im Jahr 1980: "Die Berechtigung, die Notwendigkeit und das Ziel einer Reform wären in Frage gestellt [...], wenn bestimmte Bereiche der Liturgie von dieser Reform grundsätzlich ausgenommen würden. Das gilt für die Feier der heiligen Messe [...] und das gilt ebenso für das eucharistische Hochgebet als Mitte und Höhepunkt der ganzen Messfeier (IGMR 54)" (O. Nussbaum, «Einheit, Variabilität und Pluralität der Hochgebete», 88).

Daher hatte sich das nachkonziliare Consilium, die Kommission zur Ausführung der Beschlüsse der Liturgiekonstitution, auch mit dem Hochgebet auseinanderzusetzen. Schnell stellte sich dabei aber heraus, dass die empfundenen Mängel des Canon Missae, vor allem seine schwer durchschaubare Struktur und die fehlende Anamnese der Heilsgeschichte nicht durch eine einfache Überarbeitung des Textes behoben werden konnten. Auch für die Reform des Römischen Kanons war Art. 23 der Liturgiekonstitution zu beachten, nach dem die neuen Formen aus den alten, schon vorhandenen gewissermaßen organisch herauswachsen sollten. Auf diesem Hintergrund konnte man den Kanon nicht überarbeiten und so entschied Papst Paul VI. am 20. Juni 1966, dass der Kanon als Zeugnis der altehrwürdigen Tradition der römischen Kirche möglichst unangetastet erhalten bleiben solle und ihm zwei oder drei neu abzufassende oder dem Erbe der liturgischen Tradition zu entnehmendeTexte beiseite gestellt werden sollten, die allerdings dem römischen Geist entsprechen müssen.

Diese Entscheidung des Papstes führte dann erst einmal dazu, dass die Grunstruktur des Hochgebetes der römischen Liturgie herauszuarbeiten war. In einem zweiten Schritt kam es dann zur Abfassung der heutigen Hochgebete 2, 3 und 4. Das 2. Hochgebet ist dabei eine Überarbeitung eines Textes, der uns in einer alten schwer zu datierenden Kirchenordnung mit Elementen syrischen und ägyptischen Ursprungs (der sog. Traditio apostolica) überliefert ist. Dieser Text hat seinen Ursprung wahrscheinlich in Antiochia/Syrien. In der Überarbeitung wurde er dann jener grundlegenden römischen Struktur, die man damals zu erkennen meinte, angepasst. Das 3. und 4. Hochgebet sind Neufassungen, wobei das 4. Hochgebet mit seiner langen Anamnese der Heilsgeschichte vor den Herrenworten sich ebenfalls an die antiochenische Tradition anschließt. Im Römischen Kanon, dem jetzigen 1. Hochgebet, wurden dann nur die Herrenworte den neuen Texten angepasst und die Akklamation Deinen Tod, o Herr, verkünden wir... eingefügt. In neuerer Zeit wurden dann zusätzlich zwei Hochgebete mit dem Thema Versöhnung (für das Hl. Jahr 1975) abgefasst, von denen im deutschsprachigen Bereich eines zugelassen ist. Ebenfalls wurden 1975 drei weitere Hochgebete für Messen mit Kindern, ein Hochgebet für Messen mit Gehörlosen, sowie das schon 1972 für die schweizer Diözesansynode verfasste Hochgebet approbiert, das in seinen vier thematisch unterschliedlichen Fassungen seitdem auch für die gesamte Weltkirche zugelassen ist. Daneben gibt es noch einige wenige Hochgebete für bestimmte Ortskirchen (Zaire, Australien).

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