Card. Frings u. Prof. Ratzinger 1961 zum Thema Liturgie

Veröffentlicht von Markus Tymister

Card. Frings u. Prof. Ratzinger 1961 zum Thema Liturgie

Nachdem am 25. Januar 1959 Papst Johannes XXIII. die Einberufung eines Konzils bekannt gegeben hatte, wurde zur Vorbereitung desselben im Jahr 1961 in Genua eine Vortragsreihe veranstaltet. Innerhalb dieser Reihe hielt der Kölner Erzbischof Josef Card. Frings am 20.11.1961 einen allseits beachteten Vortrag zum Thema Das Konzil und die moderne Gedankenwelt. Da er sich selbst aber außer Stande sah, das ihm aufgegebene Thema entsprechend zu bearbeiten, bat er den damals 34-jährigen Prof. Joseph Ratzinger um Hilfe. Ratzinger war schnell von dem Thema begeistert und verfasste den Vortrag des Kardinals, der als Genueser Rede in die Geschichte eingehen sollte. Frings hatte den Entwurf Ratzingers vollständig übernommen und nur an einer einzigen Stelle eine Retuschierung vorgenommen.

Nach dem Vortrag zu Johannes XXIII bestellt, befüchtete der Kardinal schon Tadel wegen der Offenheit des Vortrags. Der Papst war hingegen von den Ausführungen des Kardinals überaus begeistert. Das Gespräch mit Johannes XXIII ermutigt den Kardinal, den jungen Professor für die anstehenden Beratungen der dogmatischen Texte in der theologischen Zentralkomission des Konzils als Berater hinzuzuziehen.

Zum Thema Liturgie ist in dem Vortrag aus der Feder von Joseph Ratzinger zu lesen:

Im Zeitalter eines wahrhaft global und so wahrhaft katholisch gewordenen Katholizismus wird [die Kirche] sich immer mehr darauf einstellen müssen, daß nicht alle Gesetze für jedes Land gleichermaßen gelten können, daß vor allem die Liturgie wie ein Spiegel der Einheit so auch ein angemessener Ausdruck der jeweiligen geistigen Besonderheit sein muß, wenn sie die Menschen zu einer wahrhaft „geisterfüllten Gottes-Verehrung" (Rom 12, 1) führen soll. Daraus wird sich von selbst eine stärkere Intensivierung der bischöflichen Gewalt ergeben, die ja ortsgebunden und so der besonderen Aufgabe der Einzelkirchen zugewiesen ist, zugleich aber das einzelne an den Gesamtepiskopat bindet und so in die Einheit hineinträgt, die in Petri Stuhl ihre unverrückbare Mitte hat.

Joseph Card. Frings, <<Das Konzil und die moderne Gedankenwelt>>, GuL 34 (1961) 453

Es war eines der Hauptanliegen der nachkonziliaren Liturgiereform, die Liturgie als Spiegel der Einheit und gleichzeitig als Ausdruck der jeweiligen geistigen Besonderheit eines Landes, bzw. einer Ortskirche erscheinen zu lassen. Die neu erarbeiteten lateinischen authentischen Ausgaben der liturgischen Bücher waren daher ausdrücklich nicht als Zelebrationsbücher gedacht, sonder sollten den einzelnen Ortskirchen als Referenzpunkt für die Einheit der Liturgie an die Hand gegeben werden, damit sie auf dieser Grundlage die Riten derart adaptieren, dass sie Ausdruck der geistigen Besonderheiten der Ortskirche werden. Ausdrücklich wollte das Konzil berechtigter Vielfalt und Anpassung an die Verschiedenen Gemeinschaften, Gegenden und Völker (SC 38) Raum lassen.

Im Sinne der stärkeren Intensivierung der bischöflichen Gewalt, die ja ortsgebunden [...] zugleich aber das einzelne an den Gesamtepiskopat bindet und so in die Einheit hineinträgt (Frings/Ratzinger 1961), sollten die Bischofskonferenzen über die entsprechenden Anpassungen entscheiden, die dem Apostolischen Stuhl dann vorgelegt und mit dessen Einverständnis (von einer Genehmigung ist nicht die Rede) eingeführt werden sollten.

37. In den Dingen, die den Glauben oder das Allgemeinwohl nicht betreffen, wünscht die Kirche nicht eine starre Einheitlichkeit der Form zur Pflicht zu machen, nicht einmal in ihrem Gottesdienst; im Gegenteil pflegt und fördert sie das glanzvolle geistige Erbe der verschiede-nen Stämme und Völker; was im Brauchtum der Völker nicht unlöslich mit Aberglauben und Irrtum verflochten ist, das wägt sie wohlwollend ab, und wenn sie kann, sucht sie es voll und ganz zu erhalten. Ja, zuweilen gewährt sie ihm Einlass in die Liturgie selbst, sofern es grundsätzlich mit dem wahren und echten Geist der Liturgie vereinbar ist.

38. Unter Wahrung der Einheit des römischen Ritus im wesentlichen ist berechtigter Vielfalt und Anpassung an die verschiedenen Gemeinschaften, Gegenden und Völker, besonders in den Missionen, Raum zu belassen, auch bei der Revision der liturgischen Bücher. Dieser Grundsatz soll entsprechend beachtet werden, wenn die Gestalt der Riten und ihre Rubriken festgelegt werden.

39. Innerhalb der Grenzen, die in der „editio typica“ der liturgischen Bücher bestimmt werden, wird es Sache der für ein Gebiet im Sinne von Art. 22 § 2 zuständigen kirchlichen Autorität sein, Anpassungen festzulegen, besonders hinsichtlich der Sakramentenspendung, der Sakramentalien, der Prozessionen, der liturgischen Sprache, der Kirchenmusik und der sakralen Kunst, jedoch gemäß den Grundregeln, die in dieser Konstitution enthalten sind.

40. Da jedoch an verschiedenen Orten und unter verschiedenen Verhältnissen eine tiefer greifende und deswegen schwierigere Anpassung der Liturgie dringlich ist, soll beachtet werden:
1) Die für die einzelnen Gebiete im Sinne von Art. 22 § 2 zuständige kirchliche Autorität möge sorgfältig und klug erwägen, welche Elemente aus Überlieferung und geistiger Anlage der einzelnen Völker geeignet sind, zur Liturgie zugelassen zu werden. Anpassungen, die für nützlich oder notwendig gehalten werden, sollen dem Apostolischen Stuhl vorge-legt und dann mit dessen Einverständnis eingeführt werden.
2) Damit die Anpassung aber mit der nötigen Umsicht geschehe, wird der kirchlichen Autorität des betreffenden Gebietes vom Apostolischen Stuhl die Vollmacht erteilt werden, gegebenenfalls in gewissen dazu geeigneten Gemeinschaften für bestimmte Zeit die notwendigen Vorversuche zu gestatten und zu leiten.
3) Weil vor allem in den Missionsländern die Anpassung liturgischer Gesetze besondere Schwierigkeiten mit sich zu bringen pflegt, sollen bereits bei der Abfassung der Gesetze Sachverständige aus dem betreffenden Fachgebiet herangezogen werden.

Die Liturgiekonstitution des 2. Vatikanischen Konzils (Art. 37-50) über die Anpassung an die Eigenart und Überlieferungen der Völker